von Hans-Benno Hauf
„Die steigende Geldentwertung, die Verknappung der Lebensmittel und der Kohlen, die steigende Erwerbslosigkeit waren der Nährboden für die von Frankreich so sehr gewünschte und geförderte Loslösung des Rheinlandes, die Bildung einer Rheinischen Republik. Groß war die Zahl in Bischofsheim derer nicht, die sich zur Fahne „grün-weiß-rot“ bekannten. Aber die Unzufriedenen, meist Jugendliche, förderten unbewusst diese Bewegung. Hunger und Not trieben sie auf die Straße.
Es bildete sich ein Erwerbslosenrat, der im damaligen Spritzenhaus an der Port sich ein Wachlokal einrichtete. Das Spritzenhaus stand zwischen Untergasse und Damm an der Mainzer Straße. Dort nahm man den durchfahrenden Landwirten die Lebensmittel ab, die sie nach Mainz bringen wollten. Polizei und Gendarmerie waren machtlos.
Von Rüsselsheim kommend waren eines Tages Separatisten (so nannte man die Anhänger der Rheinischen Republik) erschienen, überrumpelten die Polizei, Gendarmen und Feldpolizisten und nahmen ihnen die Waffen ab.
Es spielte sich in dieser Zeit folgender Vorgang ab, der vielen noch in bester Erinnerung sein wird. Zur Versorgung von Gustavsburg hatten die dortigen Metzger mehrere Stück Vieh in Frankfurt gekauft, um dieses an der Leine nach Gustavsburg zu führen. In Bischofsheim angekommen, wurde das Vieh vom Erwerbslosenrat „beschlagnahmt“, im Stall des Gasthofes Bayer (Bischofsheimer Saalbau) untergestellt, wo es am nächsten Tage geschlachtet werden sollte. Aber man hatte nicht damit gerechnet, dass man auch in Gustavsburg Hunger hatte. Mit Knüppel und Stöcken bewaffnet, kamen am nächsten Tage über Hundert Gustavsburger Bürger angerückt und holten nach einer Schlägerei ihr Vieh wieder mit Gewalt zurück. Dies war das Signal zu weiteren Gewaltaktionen in Bischofsheim. Die Schlüssel für die evangelische Kirche wurden aus dem Rathause geholt, es wurde Sturm geläutet und auf dem Schulplatz fand eine Versammlung statt. Eine große, durch Reden aufgeputschte bewegte sich nach Ginsheim zur Au. Dort stand noch Vieh, das der MAN gehörte. Obwohl die Gustavsburger Feuerwehr alarmiert wurde, blieben in diesem Kampf die Bischofsheimer Sieger. Das Schlachthaus der Metzgerei Nothnagel wurde beschlagnahmt, das Vieh dort abgeschlachtet und das Fleisch verteilt. Machtlos musste die Bevölkerung all diesem Treiben zusehen.
Wer im Besitze eines grün-weißen Ausweises der Rheinischen Republik war, durfte ungehindert Waffen tragen. Oft sah man Rüsselsheimer Separatisten, auf Lastwagen kommend, durch Bischofsheim fahren. Die grün-weiß-rote Fahne schwingend hielten sie auf freien Plätzen und Straßen und brachten Hochrufe auf die Rheinische Republik aus.“
Ausschnitt aus dem Artikel „Vor dreißig Jahren“, erschienen im Lokal-Anzeiger vom 23.10.1953

