Wer kennt es nicht – das zwei- bis dreiwöchige Schülerpraktikum, das in vielen Lehrplänen der 10. Klassen fest verankert ist. Für die meisten Jugendlichen ist es eine erste Chance, wichtige Einblicke in die Berufswelt zu gewinnen und praktische Erfahrungen zu sammeln. Doch die Suche nach einem passenden Praktikumsplatz gestaltet sich nicht immer einfach. Oft fehlt es weniger am Engagement als vielmehr an der Orientierung: Welche Berufe passen zu den eigenen Interessen? Und welche Einrichtungen oder Unternehmen bieten überhaupt Schülerpraktika an? Zudem möchten viele verständlicherweise nicht zu weit pendeln und suchen daher nach Möglichkeiten in der näheren Umgebung.
Was vielleicht nur Wenige wissen: Die Stadt Ginsheim-Gustavsburg unterstützt junge Menschen auch in dieser Phase der Berufsorientierung, indem sie regelmäßig Praktikumsplätze in unterschiedlichen Bereichen der Stadtverwaltung und der Eigenbetriebe anbietet. Ob für zwei oder drei Wochen – Schülerinnen und Schüler erhalten so die Möglichkeit, verschiedene Berufsfelder kennenzulernen und wertvolle Eindrücke aus dem Arbeitsalltag zu gewinnen.
In diesen Wochen erhielten gleich zwei Jugendliche diese Gelegenheit: Die 16-jährige Sakina sammelte praktische Erfahrungen in der Kita „Lummerland“ und bekam dort Einblicke in den pädagogischen Alltag. Zur gleichen Zeit begleitete der 17-jährige Lucian bei der KWG den Arbeitsalltag eines Anlagenmechanikers und packte tatkräftig mit an.
Beide Praktikanten haben wir in der zweiten Praktikumswoche an ihren Arbeitsplätzen besucht und nach ihren Eindrücken gefragt.
Richtig Lust auf Kita: Sakina in der Kita „Lummerland“
Sakina begegnet uns sichtlich begeistert von ihrer Arbeit in der Kita Lummerland. Gemeinsam mit Kita-Leiterin Jeannette Seidel besprechen wir, wie Sakina den Platz ergattern konnte und wie ihr erster Eindruck ist.

Gleich vornweg: Wenn es nach Sakina ginge, würde sie das Praktikum sofort verlängern, so viel Spaß macht ihr die Arbeit mit den Kindern und dem Team. „Das Team finde ich super – würde am liebsten noch eine Woche bleiben“, erklärt sie strahlend. Für Sakina ist der Praktikumsplatz in der benachbarten Kita ein großes Glück – und das gleich aus mehreren Gründen. Zum einen mag sie Kinder sehr gerne, zum anderen gestaltete sich ihre Suche nach einem Praktikumsplatz alles andere als leicht. Denn Sakina ist auf ihren Rollstuhl angewiesen, weshalb sie einen Inklusions-Platz benötigte. Darauf ist nicht jede*r Arbeitgeber*in eingestellt, sodass sie die eine oder andere Absage erreichte – ein frustrierendes Erlebnis, wenn man doch einfach nur arbeiten möchte. Umso glücklicher war sie über die Möglichkeit, in der teilweise barrierefreien Kita „Lummerland“ mithelfen zu dürfen. Dort traf sie auf ein Team mit umfänglicher Erfahrung in Inklusion und große Bereitschaft, Sakina die verschiedenen Aufgaben in einer Kita näherzubringen. Die Kinder begegnen Sakina ohne große Scheu und mit viel Faszination für ihren Rollstuhl. Sie wurden darauf vorbereitet, dass Sakina nicht eigenständig laufen kann und auf einen High-Tech-Rollstuhl angewiesen ist, der sie sogar aufrichten kann. Besonders am Anfang wollten ihn alle erforschen, doch dann stand nur noch Sakina selbst im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit – schließlich entwickelte sie tolle Bastelangebote und spielte ohne Unterlass mit ihnen.
Wie es für Sakina weitergeht? Nach ihrem Abschluss der Förderschule geht sie ihren Hauptschulabschluss an. Vielleicht hängt sie ja auch noch die Mittlere Reife dran, mit der ihr im Bereich der Kitas verschiedene Ausbildungswege offenstehen. Aber vielleicht wird es ja auch etwas ganz anderes, denn Sakina schreibt für ihr Leben gern und könnte sich auch gut ein Leben als Schriftstellerin vorstellen.
Mit ihrer Power stehen ihr trotz ihrer Einschränkungen verschiedenste Möglichkeiten offen. Die Stadt Ginsheim-Gustavsburg freut sich auf jeden Fall über ihre Mithilfe und bedankt sich mit dem Betreuer*innen-Team der Kita „Lummerland“ herzlich für ihr Engagement. „Sie ist ein Stück Herz der Kita geworden“, betont Jeannette Seidel. Eines ist klar – zu Besuch kommt Sakina jetzt häufiger, schließlich wohnt sie gleich nebenan.
Da weiß man abends, was man geschafft hat: Lucian bei der KWG
Wie bei vielen Mitschülerinnen und Mitschülern spielte auch bei Lucian die Nähe zum Einsatzort bei der Suche nach einem Praktikumsplatz eine nicht unerhebliche Rolle. Als sich die Frage nach einem Praktikumsplatz stellte, war ihm schnell klar, dass es etwas Handwerkliches sein sollte. Da er mit seiner Familie in einer Wohnung der Kommunalen Wohnungsgesellschaft (KWG) wohnt und durch Arbeiten in dieser bereits Kontakt zu einem KWG-Mitarbeiter bestand, lag es nahe, sich dort nach einem Platz umzuschauen.

Lucians besonderes Interesse gilt der Anlagentechnik. Gerne möchte er nach seiner Mittleren Reife an der Friedrich-Ebert-Schule in Rüsselsheim eine Ausbildung zum Klima- und Wasserinstallateur beginnen. Diese Ausbildung bietet die KWG zwar nicht an, doch ihr großer Bestand an Wohnungen ermöglicht es dennoch, Einblicke in dieses Berufsfeld zu gewinnen.
Am Ende ging alles ganz schnell: Lucian bewarb sich kurzfristig bei der KWG um ein Praktikum und bekam eine Zusage. Nun begleitet er mit Herrn Kreim und Herrn Mundschenk zwei erfahrene Mitarbeiter zu verschiedenen Baustellen und packt tatkräftig mit an.
Begeistert erzählt er, was er bereits tun durfte: „Letzte Woche haben wir Waschbecken ausgetauscht, Armaturen gewechselt und silikoniert.“ Heute unterstützt er die Maler. Noch stehen Anleitungen zum Filterwechsel bei Heizungen sowie zu Über- und Unterputzarbeiten in den Sanitärbereichen von „Leerstandswohnungen“ auf dem Programm.
Auf die Frage nach einem besonderen Highlight grinst Lucian und meint: „Ein Riss im Silikon.“ Damit wird deutlich: Es geht gar nicht unbedingt um einzelne Highlights, sondern um einen abwechslungsreichen Arbeitstag, an dessen Ende man weiß, was man geschafft hat. Dann ergänzt er aber doch noch etwas, das ihm besonders Spaß macht: „Wir lachen extrem viel.“
Es wird schnell klar: Die Zusammenarbeit im Team mit den erfahrenen Kollegen läuft prima. Auch Anastasia Kraft, Mitarbeiterin der technischen Abteilung der KWG und verantwortlich für Betreuung und Koordination der Praktikanten, kann das nur bestätigen.
Von 7.00 bis 15.30 Uhr ist Lucian im Einsatz, unterbrochen von einer einstündigen Pause. Mehr erlaubt das Jugendarbeitsschutzgesetz nicht – und das reicht auch, denn morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Dann geht es wieder hinaus zur nächsten Baustelle.
Wer sich für ein Schülerpraktikum bei der Stadt interessiert, kann sich an Frau Kirschner (Tel. 06144/20-171) oder die E-Mail-Adresse bewerbung@gigu.de wenden.
Schülerpraktika werden angeboten in den Kindertagesstätten, der Verwaltung, der KWG und dem Bauhof der Stadt.
Carola Vogel

