Neues vom Stadtschreiber: Die Ginsheimer Turnhalle

Neues vom Stadtschreiber - alte Turnhalle
 

von Hans-Benno Hauf

Die Ginsheimer Turnhalle war unbestritten die gesellschaftliche und kulturelle "Event-Location2" im Ginsheimer zwanzigsten Jahrhundert.

Die Anfänge lassen sich bis 1921 zurückverfolgen, als der Turnwart Thomas den Bau einer Turnhalle vorschlug. Eine utopische Idee, es war einfach kein Geld da. Sieben Jahre später begannen erste Geldsammlungen auf ein gesondertes Konto des Turnvereins, dann hemmte die bevorstehende Eingemeindung nach Mainz alle Verhandlungen. Im Juli 1930 bot das Reichsvermögensamt Mainz überraschend den Ginsheimer Turnern eine gebrauchte Halle mit den Maßen 30 x 40 Meter zum Kauf an und der Verein stemmte die Investition von 1.300 Mark. 1935 wurde der Turnplatz von der Stadt Mainz gekauft. 1936 begann der Hallenbau. Die Stadt Mainz stellte einiges Material zur Verfügung, die Dyckerhoffwerke in Weisenau lieferten verbilligten Zement und die Mitglieder leisteten rund 2.000 Arbeitsstunden bis zur Einweihung am 4. Dezember 1937 (siehe Bild).

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges musste das Turnen eingestellt werden, eine Zeit lang waren Zwangsarbeiter untergebracht. 1945 befanden sich die Räumlichkeiten in einem trostlosen Zustand. Doch durch das Engagement der Sport- und Kulturgemeinde und vieler Menschen konnte die um ein Binderfeld erweiterte und mit einer unterkellerten Bühne versehene Halle bald von allen Vereinen sowie für den Sportunterricht der Volksschule genutzt werden. Später erfolgte der Casinoanbau von der Volksmusikgemeinschaft, gefördert aus Mitteln der Sportwette "Toto". Durch die Radsportgemeinschaft wurde Platz für Geräte geschaffen und es kamen Räumlichkeiten für die Bewirtschaftung hinzu. Erster Turnhallenwirt war Otto Raab. Ab 1954 übernahmen die Bewirtschaftung die Familien Georg Schmitt und Wilhelm Holzer.

Die mit Briketts, Kohle und Koks beheizte Halle wurde zum gut genutzten und stark besuchten Mittelpunkt der Vereinsarbeit und des Sports. Theaterveranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen, Familienabende, Elternabende, Mai-Feiern, Vorträge, Versammlungen, Fastnachtssitzungen und legendäre Maskenbälle sind ebenso unvergessen wie das Gastspiel der Wiener Sängerknaben 1955 und der Mainzer Hofsänger 1958. Ungezählt sind die Liebespaare, bei denen es in der schummrig-romantischen "Likörbude" unter der Bühne erstmals "gefunkt" hat. Gegen Ende der "60er" war die Turnhalle erste Adresse in der Region für Tanzpartys, Beat-Konzerte, unter anderem von den "Numbers" aus dem Hamburger Star-Club, den "Lords" und den "Rattles".

Am 13. Februar 1969 beschloss die Gemeindevertretung die nicht mehr besonders ansehnliche Turnhalle von der SKG zu einem Preis von 40.000 DM zu erwerben und die Unterhaltung der Halle bis zur Fertigung einer neuen Schulturnhalle und des Bürgerhauses zu übernehmen. Letztmalig eröffnete der SKG-Vorsitzende Klaus Böhm am 9. August 1969 in der betagten Turnhalle den "Kerwetanz" mit der Brensbacher Trachtenkapelle. Dem Abriss hat mancher wegen der dort verbrachten schönen Stunden mit Wehmut zugesehen, aber 1971 die Einweihung des Bürgerhauses freudig begrüßt.

1) Daten teilweise aus Manfred Welke: „ Ginsheimer Vereine im Spiegel ihrer Vergangenheit"
2) „neuhochdeutsch"

 
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