Gedenkstätte für Zwangsarbeiter*innen offiziell eingeweiht

Teilnehmende der offiziellen Einweihungsfeier auf dem neu benannten Platz „Gedenkstätte ‚Im Rosengarten‘„
 

Zu den vielen Veranstaltungen, die in den letzten zwei Jahren pandemiebedingt ausfallen mussten, zählte auch die offizielle Einweihung der Gedenkstätte für Zwangsarbeiter*innen in Ginsheim-Gustavsburg. Die für das Frühjahr 2020 geplante Eröffnungsfeier war seinerzeit durch einen kleineren Pressetermin mit Enthüllung der Info-Tafeln ersetzt worden. Nun konnte das wichtige Ereignis nachgeholt werden. Die ganz bewusst auf den 23. Mai, den 73. Jahrestag des Grundgesetzes, gelegte Veranstaltung, fand unter großer Beteiligung von Vertreter*innen der Politik, von Verbänden, des Projektes selbst und der interessierten Öffentlichkeit statt.

Nach dem Grußwort des Bürgermeisters von Ginsheim-Gustavsburg, Thies Puttnins-von Trotha, der die Würde jedes einzelnen Menschen und die Entrechtung der Zwangsarbeiter*innen hervorhob, folgte ein Redebeitrag des Staatssekretärs Stefan Sauer. Stefan Sauer betonte: „In Gedenken an das Leid dieser Opfer ist es von herausragender Bedeutung, wachsam gegenüber Unmenschlichkeit zu bleiben und uns gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Antisemitismus und Rassismus zu stellen. Hierfür ist in Hessen kein Platz.“ Der Staatssekretär überreichte zudem einen Scheck von Lotto Hessen an den Ersten Vorsitzenden des Heimat- und Verkehrsvereins (HVV) Ginsheim-Gustavsburg e.V., Martin Hofmann. Er würdigte damit den HVV, der das Gedenkstätten-Projekt unterstützt hatte. Als Vertreter des Ministerpräsidenten repräsentierte Stefan Sauer auch den Vorstand der Flughafenstiftung, die die Gedenkstätte mit 10.000 Euro gefördert hatte. Die Flughafenstiftung hatte mit ihrer Geschäftsführerin, Jutta Nothacker, eine zweite Vertreterin entsandt.

Weitere Redebeiträge erfolgten durch den Landrat des Kreises Groß-Gerau, Thomas Will, und den Stadtverordnetenvorsteher und zukünftigen Bürgermeister von Ginsheim-Gustavsburg, Thorsten Siehr. Thomas Will stellte heraus: „Unter menschenunwürdigen Bedingungen mussten die Männer und Frauen leben und arbeiten. Sie litten unter Mangelernährung, Kälte, Schlägen und anderer roher Gewalt. Wenn dann ein Lager für sie, wie in Ginsheim-Gustavsburg, auch noch „Rosengarten“ genannt wurde, so zeigt allein dies den unglaublichen Zynismus und die Unbarmherzigkeit des Systems.“ Thorsten Siehr verband seine Ansprache mit einer konkreten Hoffnung: „Möge die Gedenkstätte alle Besucher*innen erkennen lassen, dass Geschichte eben nichts Abstraktes aus unseren Schulbüchern ist, sondern sie immer auch die konkrete Lebenswelt unserer Vorfahren hier vor Ort war.“

Nach den politischen Vertretern kamen im zweiten Teil der Veranstaltung Historiker*innen und Projektbeteiligte mit thematischen Beiträgen zu Wort. Nach einem einführenden Vortrag zur Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, gehalten von Dr. Jörg Osterloh vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt, konzentrierte sich die Historikerin Christine Hartwig-Thürmer in ihrem Vortrag auf die konkrete Situation der Zwangsarbeiter*innen in Ginsheim-Gustavsburg. Dabei galt dem Leid der im Lager „Im Rosengarten“ geborenen Kinder von Zwangsarbeiterinnen ihr besonderes Augenmerk.

Der Schwiegersohn des Zwangsarbeiters Johannes Biesheuvel, Olav Borgli, war eigens mit seinen Kindern aus Norwegen angereist, um die Erinnerungen seiner im letzten Jahr verstorbenen Frau, der Europa-Rechtlerin Anneke Biesheuvel-Borgli, vorzutragen. Sie hatte Notizen zu Aussagen ihres Vaters hinterlassen, der als Zwangsarbeiter bei der M.A.N schreckliche Jahre verbracht hatte. Olav Borgli erwähnte aber auch die lokale Hilfsbereitschaft, die seinem Schwiegervater während einer Bombardierung widerfuhr. Weitere Vorträge galten den Anfängen der Aufarbeitung des Zwangsarbeiterwesens in Ginsheim-Gustavsburg durch Vivien Gottschalk sowie der konkreten künstlerischen Gestaltung der Gedenkstätte durch die Grafikerin Ute Sixel.

Den Redebeiträgen folgte die Niederlegung eines von der Ginsheimer Floristin Sonja Heuser bewusst zweiteilig komponierten Kranzes, der gleichermaßen das Leid und die Hoffnung der Betroffenen symbolisierte. Im Anschluss verlasen fünf Schüler*innen der IGS Mainspitze die Namen von in Ginsheim-Gustavsburg verstorbenen Kindern und legten Rosen für sie nieder. Am Ende der Veranstaltung, die vom Evangelischen Bläserchor Gustavsburg musikalisch begleitet wurde, stand die feierliche Enthüllung des Namensschildes „Gedenkstätte ‚Im Rosengarten‘“. Der neue Name des Platzes leitet sich von der erwähnten, zynischen Bezeichnung des Barackenlagers für Zwangsarbeiter*innen der M.A.N. ab, das nur wenige Hundert Meter entfernt, im Bereich am Haagweg/Flurgraben errichtet worden war.

Mit der im Herzen von Gustavsburg gelegenen Anlage, leistet die Stadt einen für alle sichtbaren und erfahrbaren Beitrag zur historischen Aufarbeitung der NS-Zeit in Ginsheim-Gustavsburg. Den über 3.000 Zwangsarbeiter*innen, die in den Jahren 1940-1945 die Schrecken der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor Ort durchlitten, ist mit der Gedenkstätte ein nachhaltiges Zeichen gesetzt.

 

Bitte wählen Sie Ihre Cookie-Präferenzen